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"El ojo de la ballena" Marktkirche Hannover 2020

Foto: @Jesús Gómez

Pepa Salas Vilar: 

Das Bild blickt zurück, oder: Die Kraft des inneren Schauens

Eröffnungsrede zur 

Ausstellung in der Marktkirche Hannover
Pepa Salas Vilar: El ojo de la ballena / Das Auge des Wals (21.10.-11.11.2020)

21. Oktober 2020, 17 Uhr

Dr. Anne Kehrbaum

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Freunde der Kunst,

vielleicht haben Sie soeben schon die Möglichkeit gehabt, sich ein wenig die Exponate der Ausstellung „Das Auge des Wals“ von Pepa Salas Vilar anzusehen. Sie haben sich vielleicht gefragt, warum der Sehvorgang von Walfischen zum titelgebenden Bildgegenstand wurde. Im Umherwandern haben Sie außerdem in den Bildgeschichten sehr oft Menschen beim Schauen zugeschaut.

Bezüge zum Sehen gibt es in jedem hier ausgestellten Werk zu entdecken: Sei es, dass jemand durch den geöffneten Spion einer Tür blickt, in ein Fernrohr schaut, oder in einen Guckapparat für Kinder, sei es, dass der Anblick eines Berges den Beginn eines Traumes auslöst.

Einige Objekte sind mit Blattgold bearbeitet worden, darunter ein übermaltes historisches Triptychon mit dem Porträt eines Mädchen, dessen reine Kindlichkeit an das „innere Kind“ in uns appelliert. Dies ist ähnlich bei dem niedriger arrangierten zweiten Klappaltar, wo der der gen Himmel gerichtete Blick der beiden Mädchen einem alten sakralen Darstellungsmodus1 entspricht. In der poetischen Installation „Die blinden Wale“ wiederum wurden zwei rätselhafte Paddel vergoldet und mit menschlichen Augen (den Augen der Künstlerin) ausgestattet. Darunter liegt ein Buch mit Text in Braille-Schrift und drei goldenen Walfischen.

Als die Künstlerin 2010 nach Deutschland kam, begann sie Walfische als Signet zu malen. Für Pepa Salas Vilar hat der Walfisch die Bedeutung Hoffnung, außerdem hegt sie selbst ein mütterliches Gefühl zu diesem größten aller Säugetiere, dessen weibliche Exemplare sich als Mütter hervorragend um ihre Jungen kümmern. Daraus ergibt sich für sie, dass der Walfisch ein Glückszeichen und (ähnlich wie der Typus der Madonna mit Kind) etwas Heiliges ist.

Beim Stichwort des Heiligen fragte ich – natürlich – sofort nach. Es seien mysteriöse Tiere, sagt die Künstlerin, die etwas Ursprüngliches in sich tragen. Pepa Salas Vilar stellt sich vor, wie es sein mag, als Wal im Meer zu schwimmen und zu schauen. Was sieht so ein riesiges Tier unter Wasser? Kann es gleichzeitig rechts einen tanzenden Fischschwarm erkennen und von links ein herannahendes großes Tier? Wenn der Walfisch über die Wasseroberfläche springt, wie sieht er dann die luftige Welt?

Die Künstlerin bewundert die Fähigkeiten der Walfische, z.B. ihre ausgezeichnete Ortungsfunktion per Ultraschall und die gesangsähnlichen Töne und Melodien, die die männlichen Tiere abgeben. Aufgabe der Gesänge ist es, Stimmungen, Kontaktwünsche und Warnungen mit den Artgenossen auszutauschen. Die ungewöhnliche Kommunikationsform des Walgesangs hat Pepa Salas Vilar in einer langen, lochkodierten Tonspur-Rolle unter Hinzufügung von Symbolen wiedergegeben.

Es geht bei dieser Ausstellung also um das Schauen und zugleich um ein sozusagen allumfassendes, bedeutungsvolles Wahrnehmen, das Fragen an unser eigenes Leben stellt. Die Künstlerin bleibt dabei nicht bei naturwissenschaftlichen Zusammenhängen stehen, sondern stellt ihre Fragen – an sich, an uns, an das Universum – auf dem Boden der Poesie. Sie sagt: Der Blick ist das Fenster unserer Emotionalität, das uns erlaubt, unser Inneres zu erkennen. Menschen und Tiere nehmen die Wirklichkeit auf jeweils einzigartige Weise wahr, jedes Lebewesen, also auch jeder Mensch auf andere Weise. Dabei weitet sie das, was wir als Menschen unter Individualität verstehen, auf den gesamten Kosmos aus. Es gibt, so sagt sie, so viele Arten zu sehen, wahrzunehmen und zu fühlen wie es Lebewesen auf unserem Planeten gibt.

In der Kunstgeschichte gibt es einen Künstler, der vor gut einhundert Jahren ebenfalls nach dem Schauen und Fühlen der Tiere fragte. Viele von Ihnen werden es sofort erraten, es war Franz Marc. Marc war ein großer Tierliebhaber, der in seinem Garten sogar zwei Rehe hielt. Er schrieb einmal:

„Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die [Vorstellung], wie sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein Pferd die Welt oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund?“2

Franz Marc zeichnete und malte sie immer wieder, Pferd - Fuchs - Katze - Stier, um sich, wie er sagte, in ihre Seele zu versenken. Viele von uns kennen diese Werke, es sind Urbilder, in denen die Naturform zu einem Symbol für das Existenzielle schlechthin wird. Dahinter stand eine Suche nach Ursprünglichkeit und Reinheit, nach einer „Wiedergeburt unseres Kunstfühlens“. Marc vollzog mit dieser Suche einen Prozess der Entfernung von einer homozentrierten Weltsicht, die die Dinge in naiver Alltagsschau als „real“ einstuft und genau so auch im Bild wiedererkennen möchte, hin zu einer existenziellen Malerei, bei der Bildgegenstand und Farbe im Betrachtenden unmittelbar Emotionen und Assoziationen auslösen.

 

Nun zurück zu unserer Ausstellung.

Ein zentrales Gemälde mit dem Titel „Wünsch Dir was I“ zeigt die Künstlerin selbst, sie blickt uns lächelnd an und hält einem sitzenden Mann die Augen zu mit der Aufforderung, in innere Traumwelten einzusteigen. Mögliche „Einstiege“ in Form von Fotografien an der Wand – wir sehen einen Weg, der durch einen lichtdurchfluteten Wald führt – und schützende Begleitsymbole (darunter ein Vogel, ein Vogelnest, eine Schildkröte, ein Walfisch) sollen die Gedanken des Mannes positiv begleiten. Es ist wie im Fall der anderen Gemälde eine kraftvolle Schwarzweiß-Malerei, hier vor türkisfarbenem Hintergrund. Ein weiteres Gemälde, in dem die Künstlerin sich selbst gemalt hat, heißt „Du bist ein Traum“ und zeigt die selbst träumende Pepa vor einer als Vision zu verstehenden farbigen Urwaldlandschaft, insgesamt ein magischer Vorgang, der wiederum von etlichen Symbolen begleitet wird.

Eine andere Arbeit mit dem Titel „Stereoblick“ (Mirada estereo) zeigt zweimal genau dieselbe Halbfigur eines blonden Mädchens, als Versinnbildlichung der Tatsache, dass wir mit zwei Augen schauen, deren Bilder unser Gehirn zu einem einzigen Bild zusammenbaut. Das Besondere ist hier, dass die Künstlerin versucht (was sehr schwer ist) zweimal genau dasselbe Bild zu malen.

Nun ist es an sich nicht verwunderlich, dass eine Bildende Künstlerin das Thema Sehen zu ihrem Thema macht. Was aber so besonders an der Arbeit von Pepa Salas Vilar ist, das ist ihre metaphysische Auffassung vom Sehen und Schauen. Auf der Suche nach dem hinter der sinnlich erfahrbaren Welt Liegenden verbindet sie das Persönliche mit dem Allgemeinen, wodurch sich Symbole des Sehens und Situationen des Schauens und Blickens in ihren Bildern auf eine fast magische Weise allumfassend verstehen lassen.

Für die Künstlerin funktioniert die Tätigkeit des Sehens sozusagen reziprok, von allen Lebewesen und Dingen zu allen Lebewesen und Dingen. Als Beispiel: Ich schaue den Berg an, der Berg schaut mich an. Übersetzt ins Kunstwerk schaut das Bildmotiv also gleichsam zum Betrachtenden zurück. Diesen wechselseitigen Vorgang des Wahrnehmens verstärkt und versinnbildlicht die Künstlerin durch Symbole und Darstellungen des Seh-Akts. Im Resultat erregt der Blick eine abstrakte Emotion der Seele und löst Emotionen im Gegenüber aus.

Pepa Salas Vilar ist Spanierin und stammt aus der Renaissance-Stadt Úbeda in Andalusien. Seit 2012 hat sie in Hannover in der Eisfabrik ein Atelier.

Eigentlich wollte Pepa – Kurzform für Josefa – Fotografin und/oder Autorin werden. Dies ist wichtig zu wissen, denn bis heute bereitet sie ihre Arbeiten durch Fotografien und Texte vor, die sie in einer Art Mindmapping sammelt. Auch Filmszenen interessieren sie und gesellen sich zum Ausgangsmaterial, gern ältere aus der Zeit ihrer Kindheit, in Räumen mit Häkeldecken und unmodernem Mobiliar. Es ist ein langsamer Reifungsprozess. Ist die Annäherung an ein Bildthema vollendet, erfolgt die Realisierungsphase mit Pinsel und Farbe daraufhin mit großer Geschwindigkeit.

Es erstaunt kaum, dass wir beide Hinführungsmedien – Fotografie und Text, vielleicht auch eine Art biografisches Storytelling – in den malerischen Endprodukten wiederfinden. Es ist ein ganz wichtiges Merkmal ihrer Malerei, dass sie diese multimediale Ebenen und seelische Gedankenwelten einschließt und Inhalte, Formen und Zeichen ganz aus sich selbst herausfließen lässt.

Vielfach künstlerisch begabt, entschied sich Pepa Salas Vilar schließlich für ein Kunststudium an der Universität von Granada. Durch ein Erasmus-Stipendium konnte sie je ein Jahr lang in Italien und in Polen studieren, ein weiteres Jahr widmete sie dem Studium der Kalligrafie bei einem anerkannten japanischen Meister des Fachs, der in Italien lehrte. (Der aufmerksame Zuhörer wird hier bemerken, dass die Beschäftigung mit der Kalligrafie – schwarzer Tusche auf weißem Grund, immer und immer wieder gestisch eingeübt – durchaus vorbereitend für ihren heutigen Umgang mit den Farben Schwarz und Weiß gewirkt haben könnte.) Später erlernte sie auch noch Gravieren und Drucken.

 

Vor vier Jahren ließ Pepa Salas Vilar an der Universität Granada auf den 2004 bereits mit Auszeichnung erlangten Abschluss als Bildende Künstlerin auch noch eine Promotion folgen. In dieser Promotion, die interdisziplinär auf dem Feld der Wahrnehmungs- Psychologie erfolgte, geht es um eine Spezialbegabung von ihr, auf die noch zurückzukommen sein wird: die Synästhesie. Parallel zu all diesen akademischen Ausbildungsetappen, die ihren unbändigen Drang nach dem Vorstoßen in unbekannte Techniken, Wissensgebiete und Regionen dokumentieren, stellt sie seit 2003 in Gruppen- und seit 2006 in Einzelausstellungen aus und erhielt zahlreiche Stipendien.

Seit sie in Deutschland lebt, malt sie nur noch, was sie will, sagt die Künstlerin. Der Stoff für ihre Bilder wächst in ihr und begibt sich mit ihrer Hilfe herauf an die Oberfläche des Sichtbaren.

Pepa Salas Vilar lebt gerne in Hannover, doch das Heimweh nach ihrer andalusischen Heimat wohnt beständig in ihr, immer und überall. Wir merken ihrer Kunst diese Sehnsucht nach den Orten und lieb gewonnenen Prägungen ihrer Kindheit unmittelbar an. Auch das ist ein wesentliches Merkmal ihrer Arbeit.

Sogar ihre Maltechnik spiegelt ihre eigene, spanisch-deutsche Lebenssituation: Sie malt sehr schnell, und da hier in Deutschland meist kühles, feuchtes Wetter herrscht, malt sie hier meist mit Acrylfarben. In Spanien hingegen trocknet die Ölfarbe schnell, so dass sie dort auch in Öl arbeitet. Seit 2014 malt sie nur noch in Schwarz und Weiß unter Hinzufügung farbiger Akzente. Da sie seit einigen Jahren in der Eisfabrik ein größeres Atelier hat, kann sie nun auch größere Formate wählen. Da sie aber seit ihren spanischen Ausbildungsjahren an die kleinen Formate gewöhnt ist, entstehen auch diese noch immer häufig.

Die in ihren Bildern immer wiederkehrenden Motive ergeben in der Zusammenfügung mit anderen Elementen auf der Bildfläche eine Art chiffrierte Bilderschrift, deren Symbolgehalte ähnlich wie ägyptische Hieroglyphen übersetzbar sind. Hier einige Beispiele:

Berge = ihre spanische Heimat
Vogelnest und Vogelhaus = Heimat, Geborgenheit im Allgemeinen
Mädchen = Erinnerung an die eigene Kindheit, das innere Kind
Papierflieger oder Feder = Freiheit, Wegfliegen
Axolotl (mexikan. Schwanzlurch) = Resilienz, denn wenn der Lurch ein Bein verliert, wächst ihm ein neues nach
Narzissen = Frühlingsgefühl, Neuanfang
Krebs mit Dreiecken = Symbol für Tod und Leben
Das menschliche Herz = unser physisches Zentrum, das über Leben und Tod entscheidet
Augen (von Menschen und von Tieren) = Sehen, Schauen, und zwar von allen Lebewesen und Dingen zu allen Lebewesen und Dingen
Farbiger Punkt: symbolisiert für sie in der Tradition Indiens das „dritte Auge“
Walfisch (titelgebend für diese Ausstellung) – wie schon erwähnt = Hoffnung, mütterliches Gefühl, Glück und Heiligkeit

Pepa Salas Vilar gehört außerdem zu den wenigen Menschen, die unwillkürlich Farben unmittelbar mit Stimmungen und Bedeutungen verknüpfen: Sie ist eine echte Synästhetikerin. Synästhesie bezeichnet die Kopplung zweier oder mehrerer physisch getrennter Modalitäten der Wahrnehmung. Es ist dies eine ähnliche Sonderbegabung wie das absolute Gehör.

Und so ist es kein Wunder, dass auch Farben für sie ganz bestimmte Bedeutungen haben. Hier einige Kostproben ihrer subjektiven Farbsymbolik:

Pink = Pubertät, körperliches und geistiges Erwachen
Gelb = Fröhlichkeit
Gold = heilige Farbe (entspricht der traditionellen Bedeutung) Blau = etwas Majestätisches und Geheimnisvolles
Grün = „Ich, Pepa“, denn so sieht sie sich selbst: Grün
Zahl 3 = Pepas Persönlichkeit

Man denkt bei solcher Farbsymbolik sofort an romantische Künstlervorstellungen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. In der Dichtung finden wir um 1800 die „blaue Blume“ als Symbol unerfüllter Sehnsucht in Novalis ́ „Heinrich von Ofterdingen“, die zum Inbegriff romantischer Weltanschauung schlechthin wurde. In der Malerei gab es etwa gleichzeitig Philipp Otto Runges vielfach verschlüsselte Farbsymbolik, in der Blau u.a. dem Tag, Gottvater und dem Willen und damit allgemein der Erkenntnis des Geistes zugeordnet wird. Gut einhundert Jahre später waren es dann die Künstler des „Blauen Reiter“, die Farben mit bestimmten Eigenschaften verknüpften. Für Franz Marc stand Blau für das Geistige. Der mit synästhetischen Fähigkeiten begabte Wassily Kandinsky schrieb in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“, dass Blau in seinen Augen mit der Kreisform harmoniere, Gelb mit einer Dreiecksform.

Wichtig ist festzuhalten: Die Künstlerin malt, wie sie selbst sagt, nur positive Motive. In ihrer Vorstellung denkt sie dabei an die Menschen, die in früheren Zeiten an Felswände malten und glaubten, dass sie das, was sie malten, auch leibhaftig bekommen würden. Was man malt, das bekommt man, lautet die Kurzformel dieser archaischen, magischen Kunstauffassung, die dem Kultischen sehr nahe steht.

Sogar das schwierige Thema der Migration hat sie 2014 in dem Gemälde „Afronautas. Migrationsrouten - Maremagnum“ positiv zu behandeln versucht, indem sie der im Wasser schwimmenden Frau Hilfe und Rettung auf verschiedensten Ebenen zukommen lässt: Ein Schlauchboot und ein Ruderboot nähern sich, Sternbilder und eine ganze Herde von Walfischen als Symbole der Hoffnung und der mütterlichen Liebe begleiten die Verzweifelte, deren bedrohlicher Zustand den Betrachtenden dennoch in Betroffenheit zurück lässt.

Indessen, es gibt auch Tränen und Traurigkeit in Pepa Salar Vilars Malerei. Die übermalte Landkarte „Die Erosion der Tränen“ ist dafür ein Beispiel. Ganz bewusst hat die Künstlerin auf das Malen der Tränen verzichtet. Dennoch versteht man aufgrund des traurigen Blicks des nur ausschnitthaft gezeigten Mädchens, dass es hier um Fernweh, vielleicht auch um Heimweh geht.

Ich selbst habe die Malerei von Pepa Salas Vilar vor einem Jahr durch ein Werk kennengelernt, das unmittelbar zu mir sprach. Na, dachte ich, da kann aber jemand richtig gut malen. Die Sogwirkung von Motiv und Malerei waren es, die mich bannten – und vielleicht ist es Ihnen beim Betrachten der Werke hier in der Marktkirche bei dem einen oder anderen Bild auch so ergangen. Ich war spontan fasziniert von der Wahl und der Wiedergabe des Themas, in einem Bildausschnitt, der den Blick des Betrachtenden wie mit einer Kamera zum spannungsreichsten Moment einer Situation führt und damit eine Gefühlslage offenbart, die man von sich selbst kennt und sofort einordnen kann. Hinzu kam die herrlich sichere und freie Handhabung des Mediums Farbe. Letzteres, die Farbe, war klug eingesetzt: Schwarzweiß-Malerei, die eine abstrahierende Transposition von Wirklichkeit ins Zeitlose bewirkt, wurde konfrontiert mit einer darüber gesetzten grellen Farblinie, deren starker Farbeffekt ähnlich wie das gewählte Motiv die Emotion unmittelbar herausfordert.

Beim Thema Schwarzweiß-Malerei musste ich natürlich sofort an den großen Max Beckmann denken. Pepa Salas Vilar sagt, dass sie dessen Werke schätzt, was kaum erstaunt. Denn der große Ich-Befrager malte ja auch aus subjektiver Perspektive magische Dingwelten mit geheimnisvollen Botschaften, kombiniert mit einer freien expressiven Malweise, die uns sofort in den Bann zieht. Beckmann sagte einmal:

„Wenn man das Unsichtbare begreifen will, muß man so tief wie möglich ins Sichtbare eindringen.“3

Für Beckmann stand die Farbe Schwarz für Verbrechen, für das Zerstörerische und Hässliche und Weiß für Tugend, für das wirklich Schöne.

„Ja, Schwarz und Weiß sind meine beiden Elemente. [...] ich muss beides aufnehmen, denn nur in beiden, nur in Schwarz und Weiß, kann ich Gott in seiner Einheit erkennen, wie er immer und immer wieder am wechselnden Drama alles Irdischen schafft. – Den optischen Eindruck von der Welt der Gegenstände durch eine transzendente Arithmetik meines Inneren zu verändern, so lautet das Gebot.“4

Und weiter:

„Dann nehmen die Formen Gestalt an und scheinen mir begreiflich in der großen Leere und Ungewißheit des Raumes, den ich Gott nenne. [...]“5

Der malende Zollbeamte Henri Rousseau („dieser Homer der Portiersloge“) und der Naturmystiker William Blake waren für Beckmann wichtige Vorbilder. In einem Traum hörte er Blake einmal zu sich sprechen. Ich möchte mit diesem Zitat, in dem mich an vieles in der Malerei von Pepa Salas Vilar erinnert, enden:

„ ́Habe Vertrauen zu den Dingen ́ , sagte er [Blake], ́laß Dich nicht einschüchtern von dem Schrecken der Welt. Alles ist geordnet und bestimmt und muß sein Schicksal erfüllen, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Suche diesen Weg... – das Ich zu finden, das nur eine Gestalt hat und unsterblich ist – es zu finden in Tieren und Menschen, in Himmel und Hölle, die zusammen die Welt bilden, in der wir leben. ́“6

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


  

1 Vgl. Ausst.-Kat. „Der himmelnde Blick: Zur G eschichte eines Bildmotivs von Raffael bis Rotari“, Gemäldegalerie Alter Meister, Dresden 1998.

2 Franz Marc, zit. n. Schulz-Hoffmann, Carla: „Franz Marc und die Romantik“, in: Ausst.-Kat. „Franz Marc 1880-1916“, Lenbachhaus, München 1980, S. 104.

3 Max Beckmann: Vortrag, gehalten 1938 in London, zit. n. Walter Hess: Dokumente zum Verständnis der modernen Malerei, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 108.

4 Max Beckmann: Vortrag, gehalten 1938 in London, zit. n. Walter Hess: Dokumente zum Verständnis der modernen Malerei, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 110.

5 Ebenda. 

6 Ebenda.